1. Kapitel 

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Molly

 

 

Ich starrte auf den Bildschirm meines Laptops. Seit Stunden versuchte ich, ein paar zusammenhängende Worte zu formulieren, die einigermaßen Sinn ergaben. Ohne Erfolg. In meinem Kopf herrschte absolutes Vakuum. Der Abgabetermin für mein nächstes Buch war in knapp drei Monaten, und ich hatte bis auf wenige Seiten noch nichts geschrieben. Wie es aussah, würde sich daran heute nichts mehr ändern.

 Ich seufzte. Mein Blick wanderte zum Fenster. Dunkle Wolken mit dicken Bäuchen trieben über den Horizont. Es regnete schon seit dem frühen Morgen. Das Meer war aufgewühlt, und riesige Wellen rollten auf den Strand und nagten gierig am Land. 

 Zum fünften Mal in der letzten Stunde stand ich auf und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche. Dabei fiel mein Blick auf das Foto an der Wand. Parker und ich hatten es aufgehängt. Ein Schnappschuss von uns, während des Umzugs aufgenommen. Parker hielt mich fest in seinen Armen, und das Glück lachte uns aus den Augen. Was würde ich dafür geben, noch mal so von ihm gehalten zu werden und zu hören, wie sehr er mich liebte!

 Abrupt wandte ich mich ab und ging zurück an meinen Schreibtisch. Regen prasselte gegen die Fensterscheibe, als würde das Universum die Tränen weinen, die ich nicht mehr hatte.

 Zum hundertsten Mal glitt mein Blick über den letzten Satz mit dem blinkenden Cursor. Ich straffte die Schultern und fing an zu tippen. Meine Professorin für Literatur und kreatives Schreiben hatte immer gesagt: »Besser, einen Satz zu Papier gebracht als gar keinen.« Bisher hatte sich dieses Motto für mich bewährt.

 Eine Benachrichtigung, dass ich eine E-Mail bekommen hatte, tauchte auf dem Bildschirm auf. Lexie hatte geschrieben. Mit klopfendem Herzen klickte ich auf ‚Öffnen‘. Lexies Berichte waren das einzige Highlight in meinem Leben und auf skurrile Art und Weise meine Verbindung zur Welt außerhalb meiner vier Wände.

 Meine Augen flogen über die Zeilen.

 

Hallo Schwesterchen,

endlich haben wir wieder genügend Strom, Wasser und Internet. Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, wieder heiß duschen zu können. Meine Haare waren vollkommen strohig, und meine Haut hat eine gräuliche Farbe angenommen, die nicht mehr verschwinden wollte. Es ist, als würde sich der Dreck festwachsen. Ich habe laut gesungen, als ich gestern unter der Dusche stand. So wie früher zu Hause. Leider habe ich vergessen, dass alle mich hören können, und als ich aus der Dusche kam, stand das ganze Dorf davor und hat mich ausgelacht.

 Ich musste schmunzeln bei der Vorstellung, wie Lexie, den Duschkopf in der Hand haltend, gesungen hatte und die Einwohner des kleinen Dorfes ihr gelauscht hatten, so wie ich früher. Lexie war schon immer die Musikalische von uns beiden gewesen.

 Unser Projekt kommt nur mäßig voran. Immer wieder unterbrechen die Militärs unsere Bemühungen. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir nie fertig werden. Aber dann schaue ich in die kleinen dreckigen Gesichtchen und weiß, dass ich weiterkämpfen muss, damit diese Kinder eine bessere Zukunft haben können. Allerdings macht sich mehr und mehr das Heimweh bemerkbar. Meine Gedanken wandern immer häufiger zu dir und Kitty Hawk mit seinem launischen Wetter. Die ewige Hitze kann einem hier schon gehörig auf den Geist gehen.

 Ich nickte unbewusst. Schon immer hatte ich Lexies Kampfgeist bewundert. Ich erinnerte mich genau daran, wie sie auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen wollte und die Schule geschwänzt hatte, um einen Protestmarsch zu organisieren. Mum und Dad waren entsetzt gewesen, als der Schulleiter sie angerufen hatte.  Letztendlich hatte sich Lexie durchgesetzt und war mit ihrer Aktion auf der Titelseite der Zeitung gelandet.  Nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte sie sich jedoch innerhalb kürzester Zeit einem neuen Projekt zugewandt und den Klimaschutz ihren Mitschülern überlassen.

 Wie geht es dir? Warst du heute schon draußen? Wenn nicht, möchte ich, dass du mir zuliebe einen Spaziergang zu Cathy’s machst und dort für mich einen Cappuccino trinkst. Den leckeren mit Zimtgeschmack. Und komm mir nicht mit der Ausrede, dass es regnet. Du lebst in Kitty Hawk, da regnet es im Gegensatz zu hier ständig! Ich möchte einen genauen Bericht, wie es war, und ein Foto dazu.

 Ich lächelte traurig. Jedes Mal, wenn Lexie mir eine E-Mail schickte, war sie mit kleinen Aufgaben verbunden. Sie wusste, dass ich ihr keine Bitte abschlagen konnte, und sei sie noch so skurril.

 So, ich muss Schluss machen. Heute Abend findet ein Fest im Dorf statt. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt (ich kann nur hoffen, man will mich nicht verheiraten). Aber es wird getanzt, so viel weiß ich immerhin.  Drück mir die Daumen. Ich warte gespannt auf deine Antwort. 

 Ich liebe dich. 

 Deine saubere und ausnahmsweise gut duftende Lexie

 

 Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und stellte mir vor, wie Lexie mit ihren blonden Haaren zwischen den Einheimischen tanzte, wie ihr breiter, voller Mund lächelte und ihre Augen strahlten. Lexie beim Tanzen zuzuschauen, war Lebensfreude pur zu erleben.

 Ich war keine so gute Tänzerin, aber auch ich mochte diese Form der Bewegung. Parker und ich hatten oft beim Kochen miteinander getanzt, wenn ein gutes Lied im Radio lief. Er hatte mich herumgewirbelt, bis ich lachend in seinen Armen gelandet war. Mit Parker war auch die Musik aus meinem Leben gegangen.

 Ich öffnete die Augen und rief ein leeres Dokument auf, um Lexie zu antworten.

 

Liebste Lexie,

leider kann ich dir nicht viel Neues berichten. Die letzten Tage sind verstrichen, ohne dass etwas Außergewöhnliches passiert wäre. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du krank oder gar verletzt bist, nachdem ich zwei Tage nichts von dir gehört habe. Mum hat mich angerufen und sich erkundigt, wie es mir geht.  Ich soll dir ganz liebe Grüße ausrichten und dir sagen, dass du immer schön auf dich aufpassen sollst. Sie hat sich eine neue Frisur zugelegt. Ihren Schilderungen nach zu urteilen, hat sie jetzt einen Pudel auf dem Kopf. Dad verbringt die Tage im Keller, um seinem neuen Hobby, dem Basteln von Windspielen, zu frönen. Ich kann mir vorstellen, dass er einfach keine Lust hat, den ganzen Tag von Mum gegängelt zu werden.

 Dog hat heute eine tote Möwe gefunden und sie mir ins Haus gebracht. Eigentlich müsstest du meinen Schrei bis nach Afrika gehört haben. Keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat. Ich habe das arme Tier hinter dem Haus beerdigt.

 Ich warf einen Blick unter den Tisch, wo Dog lag. Als hätte er nur darauf gewartet, warf er mir einen Blick aus seinen treuen Hundeaugen zu.

 Du hast tatsächlich recht, was das Wetter anbelangt. Es schüttet schon seit heute Morgen in Strömen. Aber ich hatte ohnehin vor, zu Cathy zu fahren, um mal rauszukommen. Den ganzen Tag im Haus zu sitzen und auf den Laptop zu starren, macht einen ganz rammdösig im Kopf. Du fehlst mir sehr.

Bitte pass auf dich auf und lass dich nicht verheiraten.

 Ich liebe dich.

 Deine Molly

 

 Ich las die Mail noch mal durch, dann drückte ich auf ‚Senden‘. Seufzend klappte ich den Laptop zu. Es regnete noch immer. Ich würde mich in ein Ganzkörperkondom hüllen müssen, wenn ich nicht nass werden wollte.

 

***

 

Eine halbe Stunde später machte ich mich eingemummelt in Jeans, Pullover und Regenjacke auf den Weg. Unser Haus lag etwas außerhalb von Kitty Hawk. Lexie und ich hatten es von unseren Großeltern geerbt. 

 Ich liebte das alte Gebäude mit seinen knarrenden Holzdielen, den alten Möbeln und den schiefen Fensterläden.  Für mich war es mein liebgewonnenes Zuhause geworden.

 Viele Freunde waren verwundert darüber gewesen, dass ich beschlossen hatte, dort wohnen zu bleiben, jetzt, wo Lexie nicht mehr da war. Die meisten hatten angenommen, dass ich nach Parkers Tod nach Chesapeake ziehen würde. Dorthin, wo der Großteil meiner Familie wohnte. Aber es wäre mir wie ein Verrat an meinen Großeltern vorgekommen. Außerdem hatte die gewohnte Umgebung etwas Tröstliches für mich.

 Die schweren Tropfen prasselten gegen meinen Schirm und sprangen dort vom Rand wie kleine Selbstmörder, um auf den Steinen des schmalen Weges zu landen, wo sie zerplatzten. Der alte Dodge stand seitlich neben dem Haus. Erleichtert, dem Regen zu entkommen, ließ ich mich auf die braunen Ledersitze gleiten. Dog nahm neben mir auf dem Beifahrersitz Platz. Sein goldbraunes kurzes Fell war auf den wenigen Metern vom Haus zum Wagen nass geworden. Ich bückte mich zum Rücksitz und holte das Handtuch, das ich vorsorglich dort aufbewahrte, und warf es ihm über den Rücken. Ich drehte den Zündschlüssel. Mit einem heiseren Husten sprang der Motor an, und der Wagen rollte auf die Straße. 

 Auf dem Asphalt hatten sich dicke Pfützen gebildet, in denen sich der Himmel düster spiegelte. Gemächlich fuhr ich die Landstraße runter. Rechts von mir breitete sich das Meer bis zum Horizont aus. In der Ferne waren die weißen Segel eines Schiffes zu erkennen, das Einfahrt in den kleinen Hafen nahm. Ich fragte mich, wer so verrückt war, bei diesen Bedingungen aufs Wasser zu gehen. Die meisten Segler hatten ihre Schiffe bereits ins Winterlager gebracht, wo sie bis zum Frühjahr vor den Stürmen geschützt waren.

 Die ersten Häuser von Kitty Hawk tauchten vor mir auf. Die meisten von ihnen waren direkt ans Wasser gebaut worden. Dank der hölzernen Stelzen, die als Fundament dienten, waren sie auch jetzt vor den hochklatschenden Wellen geschützt. 

 Ich bog in die kleine Straße am Hafen ein, von wo der Hauptsteg bis ins Meer ragte. Die Fenster der Geschäfte waren verriegelt. Im Sommer lockte man hier die Touristen mit Souvenirs und Strandartikeln, aber jetzt war es menschenleer. Lediglich Cathy’s Café am Ende des Stegs hatte seine Türen geöffnet. Von dort hatte man einen geradezu fantastischen Blick auf das Meer. 

 Ich parkte den Dodge seitlich zum Steg. Das Donnern der Wellen war allgegenwärtig, als ich dir Tür öffnete. »Komm, Dog.« 

 Mit einem Satz war er draußen. Ich folgte ihm. Eine Gruppe Möwen flog kreischend über uns hinweg.  Anscheinend schien ihnen das Wetter genauso wenig zu gefallen wie mir. Ein Windstoß wirbelte meine Haare durcheinander. Verärgert schob ich die langen blonden Strähnen hinter mein Ohr. Ein zweckloses Unterfangen, wie ich feststellen musste. Der Wind hatte zugenommen. Das Boot, das ich aus der Ferne beobachtet hatte, war sicher in den Hafen eingelaufen und hatte am Dock festgemacht.

 Ich ging den schmalen Steg bis zu Cathy’s Café entlang. Dog trottete treu neben mir her. Dicke Regenschlieren liefen über das schmale Schaufenster und verschleierten die Sicht auf die köstliche Auslage, die sich dahinter verbarg. Cathy war gelernte Bäckerin und eine Meisterin ihres Fachs. Sie konnte aus Mehl, Wasser, Zucker und Eiern Köstlichkeiten zaubern wie keine andere. Ihr Café war einer meiner Lieblingsplätze und hatte mich schon über manch traurige Stunde hinweggetröstet. Hier trafen sich Freunde und Bekannte, und man war niemals alleine. 

 Ich holte tief Luft, bevor ich das Café betrat, so als würde ich für die Dauer meines Aufenthalts aufhören zu atmen. Es klingelte leise, als ich die Tür öffnete, und Cathy hob den Kopf. Sie begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln.

 »Hi, Molly!«

Das Café war gut gefüllt und fast alle Plätze waren besetzt. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee mischte sich mit dem Geruch der Süßwaren. Mein Magen meldete sich beim Anblick der köstlichen Kuchen und Sandwiches zu Wort. Ich war so in meine Arbeit vertieft gewesen, dass ich das Essen völlig vergessen hatte. 

 »Hi, Cathy.« Ich schenkte ihr ein Lächeln und ließ meinen Blick durch den Raum gleiten. Im Gegensatz zu draußen war es hier angenehm warm, was dem alten Ofen zu verdanken war, der im hinteren Teil des Raumes bollerte. Ich liebte die plüschigen Sessel und die alten Holztische, die den Charme des Cafés ausmachten.  

 Mein Blick wanderte zu dem freien Platz am Tresen. Entschlossen hängte ich meinen Mantel an die Kleiderstange, die sich unter der Last der vielen Jacken bereits bedenklich durchbog. Ich ging zum Tresen, um Cathy richtig zu begrüßen. Sie kam mir mit ausgebreiteten Armen entgegen. Ihre graugrünen Augen musterten mich besorgt.

 »War wohl kein so toller Tag?«, mutmaßte sie. Die Falte zwischen ihren Augenbrauen wurde tiefer.

 »Sagen wir, es war kein besonders guter. Ich erlebe gerade eine richtige Schreibblockade.« Dog machte es sich auf dem Boden neben dem Stuhl gemütlich.

Cathy ließ mich los und verschwand wieder hinter dem Tresen. »Hm. Da habe ich genau das Richtige für dich.«

 »Liebe Grüße von Lexie«, richtete ich ihr ordnungsgemäß aus. Ich rutschte auf den Hocker und legte meine Handtasche – ein verbeultes Ding, das auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatte – auf den Tresen. Eigentlich hätte ich sie schon längst entsorgen müssen, aber die Tasche war ein Geschenk von Parker zu meinem Geburtstag gewesen, und ich brachte es nicht übers Herz, mich von ihr zu trennen.

 »Danke. Wie geht es ihr?« Cathy wischte sich die Hände an der Schürze ab, die sie sich um die Hüfte gebunden hatte und auf der einige Flecken zu sehen waren. 

 »Sie hat Heimweh, und es läuft nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hat.«

 »Das wundert mich nicht. Man sieht ja immer wieder im Fernsehen, wie schwer es ist, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen.«

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen angesichts Cathys naiver Vorstellung von den Verhältnissen dort. »Ich glaube, das ist nicht das Problem.« 

 »Kann ich dich mit einem heißen Winterzauber beglücken? Das hilft, deine trübselige Stimmung aufzuhellen.«

Ich lächelte. »Das klingt vielversprechend.« 

Cathy dachte sich für ihre Kaffeemischungen immer die verrücktesten Namen aus. Letztes Ostern hatte sie ihre aktuelle Spezialität Häschendroge genannt.

 »Ist meine neuste Kreation aus Kaffee mit einem Hauch Zimt, Kardamom und Schokolade. Wenn das nicht hilft, dann weiß ich auch nicht. Die Indios sagen dieser Mischung wundersame Kräfte nach.«

 »Ich bin gespannt!« 

 »Gut.« Cathy hantierte an der chromfarbenen Kaffeemaschine herum. Keine drei Minuten später reichte sie mir einen großen Porzellanbecher, auf dem eine Sahnehaube thronte, deren Spitze mit Schokoraspeln bedeckt war. »Hier ist dein Winterzauber mit einer Extraportion Sahne, damit du endlich was auf die Rippen bekommst.«

Ich hatte seit Parkers Tod vier Kilo abgenommen. Meine Hosen, die immer stramm gesessen hatten, schlabberten, und ich musste einen Gürtel verwenden, damit sie mir nicht von der Hüfte rutschten.

 »Danke.« Ich nahm den Becher entgegen. Vorsichtig, um mich nicht zu verbrennen, nippte ich daran. »Mmm. Damit hast du dich mal wieder selbst übertroffen.« Ich leckte mir über die Lippen.

 »Freut mich.« Um Cathys Augen bildeten sich winzige Lachfältchen. »Was ist denn mit deinem Buch?«

Ich winkte ab. »Frag lieber nicht. Ich kriege seit Wochen keinen vernünftigen Satz mehr zustande. Irgendwie ist die männliche Hauptfigur farblos, und ich weiß nicht, was ich falsch mache.«

Sie legte den Kopf leicht schräg. »Vielleicht brauchst du ein Vorbild. Ethan Hawk wäre doch cool, oder Jake Gyllenhaal.«

 »So funktioniert das bei mir leider nicht.« 

 »Oder du machst mal richtig Urlaub. Raus aus Kitty Hawk. Weg von Parker und den Erinnerungen an ihn. Endlich den Kopf freibekommen.«

 »Auf keinen Fall. Erstens habe ich kein Geld, und zweitens kann ich nicht weg. Ich kann doch das Haus und Dog nicht einfach alleine lassen.« 

Parkers Beerdigung hatte unsere mageren Rücklagen aufgefressen, die wir eigentlich für die Renovierung des Hauses angespart hatten.

 »Molly, so kann es nicht weitergehen.« Cathy legte ihre Hand auf meine. »Parker ist tot. Es wird Zeit, dass du mal wieder Spaß hast, dein Leben lebst und –«

 »Das tue ich doch«, unterbrach ich sie schroff. Im selben Moment tat es mir leid. Cathy war immer nett zu mir gewesen. Sie hatte es nicht verdient, dass ich sie so anfuhr. »Sorry.«

 »Kein Problem. Ich wünschte nur, ich könnte dir helfen.«

Ich hob den Becher hoch. »Tust du. Dein Kaffee ist das Einzige, was mich am Laufen hält.«

 »Das sollte aber nicht so sein«, murmelte sie. 

Es klingelte leise. Cathy sah neugierig zur Tür, und ich folgte ihrem Blick. Ein hochgewachsener Mann betrat das Café. Ich hatte ihn noch nie hier gesehen. Er blieb einen Moment stehen und sah sich um.

 »Das ist doch mal ein Schmuckstück«, flüsterte Cathy beiläufig.

Der Fremde kam mit langen Schritten auf uns zu. Er hatte die Figur eines Läufers: lange Beine, schmale Hüften und breite Schultern. Auf seiner Jeans bildeten sich dunkle Wasserflecken ab, und auch seine Haare waren nass. Er war wohl auch durch den Regen gelaufen.

 »Hi«, begrüßte er Cathy lächelnd. 

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er neben mir Platz nahm. Ein zarter Hauch seines Parfüms wehte zu mir rüber. Eine Mischung aus Hölzern und Gras. Nicht schlecht.

 »Was kann ich dir bringen?« Cathy hielt nicht viel von förmlichen Anreden und behandelte alle Gäste, als wären sie gute alte Bekannte.

 »Einen Milchkaffee bitte.« Der Mann hatte eine angenehme Stimme.

Unauffällig musterte ich ihn von der Seite. Er hatte ein markantes Kinn und eine ausgeprägte Nase. Seine braunen lockigen Haare lagen feucht um seinen Kopf. Er war groß. Selbst sitzend überragte er mich um gut eine Kopflänge. Cathy reichte ihm die Tasse.

 »Danke.« Um seinen Mund spielte ein Lächeln. Er nahm einen Schluck. Ein zufriedener Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus. Der Mann war offensichtlich ein Genießer. »Hervorragend. Der beste Kaffee, den ich seit Langem getrunken habe.«

Cathy strahlte den Unbekannten an. »Danke.«

Der Mann drehte den Kopf zur Seite. Unsere Blicke trafen sich. Ertappt senkte ich den Kopf.

 »Ganz schön übles Wetter.« Er hatte einen leichten Akzent, woraus ich schloss, dass er nicht aus der Gegend stammte.

 »Ja, aber das ist normal für diese Jahreszeit«, erklärte ich.

 »Bist du aus Kitty Hawk?« Offensichtlich hatte der Mann beschlossen, mich in eine Unterhaltung zu verwickeln.

Ich hob den Kopf und blickte direkt in seine graugrünen Augen. »Ja.«

 »Gefällt mir. Ich mag die Kälte und das raue Wetter«, fuhr er unbeirrt fort. 

 »Dann bist du einer der wenigen.« Ich grinste schief.

 »Lebst du schon lange hier?«

Ich nippte an meinem Becher. »So ziemlich mein ganzes Leben lang.«

 »Du hast da was.« Er deutete auf meine Oberlippe. Instinktiv zuckte ich mit dem Kopf zurück, und der Unbekannte blinzelte irritiert.

Ich leckte mit der Zunge über besagte Stelle. 

 »Danke«, brummte ich.

 »Keine Ursache. Ich finde es schrecklich, wenn man Essensreste zwischen den Zähnen oder etwas im Gesicht kleben hat und niemand es anspricht. Besonders schön, wenn man gerade Salat gegessen hat.« 

Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Der Fremde grinste ebenfalls, und auf seinen Wangen bildeten sich Grübchen. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, aber wenn er lächelte, sah er jünger aus.

 »Aber ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Tom.« Er reichte mir förmlich die Hand.

Ich schlug ein. »Molly.«

 »Ich bin gerade mit dem Boot angekommen.«

 »Dann warst du das, der eben in den Hafen eingefahren ist?«

Er wirkte erstaunt. »Ja. Woher weißt du das?«

 »Ich habe dich beim Einlaufen beobachtet und mich gefragt, wer bei diesem Wetter noch auf dem Wasser unterwegs ist.« 

Im Hintergrund konnte ich Cathy sehen, die ihren Daumen in die Höhe hielt, um mir zu signalisieren, dass es ihr gefiel, dass ich mich mit Tom unterhielt.

Tom lachte laut auf. »Verrückte Ausländer wie ich!«

 »Das scheint mir auch so.« Ich leerte meinen Becher mit einem großen Schluck. Es wurde Zeit, dass ich mich wieder an die Arbeit machte, auch wenn die kleine Unterbrechung eine willkommene Abwechslung gewesen war. 

 »Schönen Tag noch«, verabschiedete ich mich.

 »Es war nett, dich kennenzulernen. Vielleicht sieht man sich ja wieder.« Hoffnung schwang in seiner Stimme mit.

 »Ja, vielleicht.« Ich legte das Geld neben meinen Becher auf den Tresen. »Bis bald.« Ich winkte in Cathys Richtung, die sich gerade mit einem Gast unterhielt. 

Mein Herz schlug bis zum Hals, als ich nach draußen trat. Dog folgte mir wie ein Schatten. Ich nahm einen tiefen Atemzug, um mich zu beruhigen. Die Begegnung mit Tom hatte mich aufgewühlt. Es war das erste Mal seit Parkers Tod, dass ich mich mit einem fremden Mann unterhalten hatte. 

***

Das Glück in Bildern ©2020 by Martina Gercke

 

Martina Gercke wird vertreten durch die Literatur-Agentur AVA München.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

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